Neue Gewohnheiten
Seit drei Wochen bin ich daran, zwei neue Gewohnheiten zu entwickeln: Laufen und Schreiben. Geschrieben habe ich vorher schon täglich für einen Tech-Blog, Laufen gehen hatte ich seit meiner Jugend als schlimmstmögliche sportliche Betätigung überhaupt abgespeichert. Trotzdem wollte ich letzteres versuchen und bei ersterem, jetzt im Rahmen unseres eigenen Blogs, dranbleiben.
Nun würde man sicher annehmen, dass es mir schwerer fallen würde, eine regelmäßige Laufpraxis zu entwickeln und beizubehalten, wohingegen sich eine solche Schreibpraxis gewissermaßen von selbst etablieren würde. Ich spoilere: Es ist genau andersherum.
Als Dirk und ich uns dazu entschieden haben, folgend.es ins Leben zu rufen, war ich höchst motiviert, voller Tatendrang und Selbstvertrauen. Regelmäßig einen Text schreiben, einmal pro Woche oder vielleicht sogar häufiger, erschien mir mehr als möglich. Schließlich hatte ich ja während meiner Zeit als Bloggerin meist zehn kurze bis mittellange Texte pro Woche veröffentlicht.
Ich sammelte Themen, begann den ersten Text, dann den zweiten, dann einen dritten, aber fertig wurde keiner dieser Versuche. Immer wieder scheiterte ich an meinem eigenen Anspruch, hielt alles was ich schrieb für Allgemeinplätze oder nicht durchdacht genug. Ich wurde immer verkopfter und operierte immer weiter an den Texten herum, ohne die OP letztlich zufriedenstellend abzuschließen.
Und dann passierte das, was immer passiert, wenn ich bei einem Text nicht weiter komme: Ich schmiss hin. Nur für mich, Dirk wusste nichts von seinem „Glück“. Aber ich dachte: Du kannst es auch einfach lassen. Du hast ohnehin nicht genug Zeit für diese Arbeit und hast du überhaupt genug Kraft? Und genug Können? Erspare dir den Stress. Davon hast du sowieso genug.
Gleichzeitig begann ich mit dem Laufen. Meine beste Freundin aus Kindertagen, mit der ich mich während der Schule durch Cooper-Test und Co. gequält habe, hatte mir erzählt, dass sie inzwischen regelmäßig laufen gehe, auch mal zehn Kilometer am Stück. Und das auch noch gerne. Wie sie das geschafft habe, wollte ich wissen. Mit Intervalltraining, sagte sie. Weiterhin nichts für mich, erklärte ich.
Ein paar Tage lang gärte der Gedanke in mir. 10 Kilometer laufen. Man muss verrückt sein. Doch irgendwie reizte es mich doch, dieses Intervalltraining einmal auszuprobieren. Ich startete mit einer Minute Laufen und einer Minute Gehen für insgesamt 24 Minuten, dazu fünf bis zehn Minuten Warm-Up und Cooldown, das Ganze dreimal pro Woche.
Schon bei meinem ersten Lauf war ich positiv überrascht: Ich kam gut zurecht. Offenbar hatte meine Fitness doch noch nicht so stark gelitten, wie ich befürchtet hatte. Und ich hatte sogar Spaß dabei. Keine Spur von den grausamen Schmerzen in Muskeln und Atemwegen, wenn man, wie ich früher, direkt von null auf 15 Minuten Durchlaufen kommen wollte.
Inzwischen bin ich in Woche drei angekommen, laufe nun zwei Minuten und gehe anderthalb. Ich steigere mich langsam, ganz im Sinne des Intervalltrainings, und bleibe dran. Meine Lauftage sind festgelegt, die Zeit eingeteilt, ab und zu bellt der Schweinehund, aber bislang habe ich mich noch immer auf die Strecke begeben. Danach das Erfolgserlebnis, Dopamin-Flow.
Gestartet bin ich ohne Erwartungen, vielleicht mit Vorstellungen davon, wie sich Laufen gehen für mich anfühlen würde (schlimm). Und jetzt laufe ich einfach, in meinem Rhythmus, in meinem Tempo, zwar auch mit gewissen Erwartungen (das nächstgrößere Intervall bewältigen), aber immer noch mit Freude und ganz ungezwungen, auch wenn es anstrengend wird.
Das Schreiben hingegen fühlte sich zuletzt nur noch wie ein Kampf an. Ein innerer Kampf natürlich. Ein Ringen um das richtige Wort, ein Suchen nach Formulierungen, die das ausdrücken, was ich sagen möchte. Immer wieder der Irrglaube: Wenn ich nicht auf Anhieb den Satz, den Text geschickt zu Ende bringen kann, bin ich nicht zum Schreiben gemacht.
Doch Schreiben ist Anstrengung, ist Kampf. Nicht nur für mich, auch für die ganz Großen unter den Autoren, wie man weiß. Was braucht es also, um diese Herausforderung zu meistern? Routine und Routinen. Disziplin und Durchhaltevermögen. Dranbleiben, auch wenn es schwer wird. Binsenweisheiten beinahe, ich weiß, Yogi-Tee-Sprüche. Und doch: Nur so kann etwas entstehen. Indem man weitermacht, indem man wieder anfängt, wenn man aufgehört hat. Indem man sich Routinen schafft, die stimmig sind.
Und es braucht die Abkehr von dem Gedanken, Anstrengung sei etwas Schlechtes, etwas das zeigt, dass man nicht gut genug ist. Texte können nur durch Arbeit entstehen, und das ist eben nicht selten auch harte Arbeit. Doch es ist auch eine schöne Arbeit, eine bereichernde Arbeit, eine äußerst befriedigende Arbeit. Eine Arbeit, bei der man sehr viel über sich selbst lernen kann.
Nach drei Wochen also steht hier nun endlich ein fertiger Text. Ein Erfolgserlebnis, Dopamin-Flow. Jetzt muss ich den nächsten Schritt meistern: Dranbleiben. Dieser Blog – nun also künftig Zeugnis dessen, ob das geklappt hat.