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von göttern, welten und maschinen

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Analoge Beziehungen

Während des Lesens von Dirks Text über die zerstörerische Kraft von Flatrates musste ich unweigerlich auch an die ausufernde digitale Kommunikation denken, die insbesondere mit der Einführung von Smartphones und eben jenen Flatrates Einzug in unser alltägliches Leben gehalten hat: Wenn das Versenden von Nachrichten nichts kostet, werden Nachrichten massenhaft verschickt und verlieren ihren Wert. Doch nicht nur das.

Schon länger nehme ich wahr, dass die digitale Welt uns zwar unzählige Kommunikationsmöglichkeiten eröffnet hat, unser Miteinander aber dadurch nicht zwangsläufig besser, enger, ehrlicher geworden ist.

In meinem Alltag erlebe ich es häufig so, dass es auf digitalem Wege ein Zuviel an Kommunikation gibt. Zu viele Chatnachrichten, zu viele Mails, zu viele Reactions, zu viele parallele Unterhaltungen. Nicht alles davon, vielleicht sogar eher der kleinere Teil dessen, hat unbedingt Substanz oder wäre „nötig“ gewesen (to be fair: das kann man auch über einige analoge Gespräche sagen). Manche Nachricht hätte sich erübrigt, wenn die vorherigen Nachrichten richtig gelesen worden wären. Über einen Anruf hätte sich ein Problem schneller klären lassen, als über diverse Mails. Und wer kennt ihn nicht, den schlimmsten Ort im Messenger? Den Gruppenchat. Man redet viel. Doch man sagt gar nichts.

Auch die Sensibilität für zwischenmenschliche Schwingungen geht unter Umständen im Digitalen verloren. In einem Chatfenster sehe ich das Gesicht, die Körperhaltung meines Gegenübers nicht. Vielleicht kann ich zwischen den Zeilen herauslesen, was der andere nicht sagt. Aber das Ungesagte auf die Art spüren und darauf reagieren, wie ich es tun kann, wenn ich mit der Person in einem Raum bin, kann ich im Digitalen nur bedingt (Videotelefonie ermöglicht hier natürlich etwas mehr Sensibilität). Vor allem fehlt mir diese Wahrnehmung aber dann, wenn ich mich gleichzeitig in fünf anderen Gesprächen befinde und mich nur peripher auf das jeweilige Gespräch einlasse. Dass auch Missverständnisse in solchen Kommunikationssituationen häufiger auftreten, liegt auf der Hand.

Unsere Beziehungen, so mein Eindruck, werden durch diese Art der Kommunikation in einigen Fällen nicht einfacher, sondern komplizierter. Und sie werden, insbesondere bezogen auf flüchtige Kontakte, auch zunehmend unverbindlicher: Verabredungen werden mit einer schnellen Nachricht kurz vor dem vereinbarten Treffen abgesagt, Menschen werden geghostet, wenn sie nicht mehr interessant sind oder ein Gespräch zu anstrengend wird. ChatGPT verfasst Break-up-Nachrichten. Etwas zynisch könnte man diagnostizieren, einige von uns haben den Zugang zu immer mehr Kommunikationsmöglichkeiten – man denke auch an die Kommentarspalten in Social Media – gegen ihre Manieren eingetauscht. Der Grund für diese Unverbindlichkeit liegt dabei nicht im Digitalen selbst, sondern an dem Verlust von Verbindung, der entsteht, wenn wir uns hauptsächlich digital begegnen.

Ich bin keine notorische Gegnerin digitaler Kommunikation, im Gegenteil. Ohne sie könnte ich bestimmte Freundschaften und Kontakte, besonders die weit entfernt lebenden, nicht so pflegen, wie ich es tue. FaceTime und Sprachnachrichten sind, für mich persönlich, größtenteils gute Erfindungen. Auf die Menge kommt es an.

Auch können durch bestimmte digitale Plattformen einige Beziehungen ja überhaupt erst entstehen oder sich richtig vertiefen. Das gilt auch für einige meiner Freundschaften. Und trotzdem denke ich, dass es mehr Achtsamkeit in der digitalen Kommunikation, aber vor allem auch mehr analoge Kommunikation ist, die wir brauchen. Denn analoger Kontakt fördert häufig ein tieferes Zusammengehörigkeitsgefühl als digitaler Kontakt, unter anderem weil genau diese nonverbalen Signale, die Körpernähe und gemeinsam erlebte Situationen die Bindung zwischen Menschen stärken können. Digitale Kommunikation kann Raum und Zeit überbrücken und Kontakt ermöglichen, aber analogen Kontakt ersetzen kann sie nicht.

Die Sehnsucht nach mehr, ich nenne sie „analoge Beziehungen“, fühlte ich selbst zuletzt für eine lange Zeit. Als Mutter einer Fünfjährigen und Bildschirmarbeiterin im Home Office in einer Stadt, in der ich wenig sozial eingebunden bin, spielt sich mein soziales Leben zu einem nicht unwesentlichen Teil auf WhatsApp, Signal und Microsoft Teams ab. Eine Weile kam ich damit gut zurecht. Denn die Menschen, mit denen ich mich digital unterhalte, sind eben meine engsten Freunde, Familienmitglieder und Kollegen. Trotzdem stresste es mich (und tut es auch heute noch), wenn ich mich mehrmals am Tag tatsächlich in diversen Gesprächen gleichzeitig befand, oft auch befinden musste.

Irgendwann wurde mir aber vor allem klar, dass es der analoge Kontakt zu Menschen ist, der mir schmerzlich fehlt. Ich vermisste es, mich unkompliziert mit jemandem auf einen Kaffee zu treffen, um einfach ein bisschen zu erzählen, um vor die Tür zu kommen, in Gesellschaft zu sein. Auch, um sich ganz in Ruhe mit einer Person oder einer Gruppe über etwas unterhalten zu können – ohne das obligatorische zweite, dritte, vierte Chatfenster. Ich merkte: Ich fühlte mich, trotz Familie, Freunden in der Welt und Job, trotz des täglichen Austauschs über digitale Kanäle, zuweilen wirklich einsam.

Was habe ich unternommen, um mir zu helfen? Ich habe das Internet bemüht (natürlich!), genauer gesagt Bumble for Friends. Was anfangs frustrierend war, weil eben genauso unverbindlich und wegen der diversen Chats ein neuer Stressor, wurde letztlich doch noch zum Erfolg. Über einen Kontakt auf der Plattform bin ich nun Teil einer analogen Gruppe intelligenter und interessierter Frauen geworden, die sich regelmäßig über Literatur und Kultur austauschen. Das Interessante dabei: Fast alle von uns leitete bei der Bumble-Anmeldung das gleiche Motiv: Wir fühlten uns in der Stadt nicht gut vernetzt und sehnten uns nach analogen Kontakten. Freunde finden als Erwachsene, nicht selten eine echte Herausforderung.

Ich bin also sehr dankbar dafür, dass mir das Internet, dass mir eine digitale Kommunikationsplattform wie Bumble die Möglichkeit eröffnet hat, Gleichgesinnte zu finden. Mir geht es durch diese analogen Treffen, auch wenn sie nur alle vier bis sechs Wochen stattfinden, viel besser als noch zu Beginn des Jahres. Seine Kernfunktion des Vernetzens hat das Web also auch für die Mensch-mit-Mensch-Verbindung zuverlässig erfüllt. Wie wir mit den vielen Möglichkeiten des Kommunizierens umgehen, die uns durch dieses Netz zur Verfügung stehen, liegt, wie so oft, in unserer eigenen Hand. Als soziale Wesen brauchen wir Gespräche, brauchen wir das Miteinander. Für mich gilt dabei aber definitiv das, was Ted Lasso sagt: I’ll take Face-to-Face-Time over FaceTime anytime!