Über Flatrates
Ich bin gerade umgezogen und habe noch Umzugskisten der mittlerweile verschwundenen Baumarktkette Praktiker mit der Aufschrift: “Hier spricht der Preis!”.
Der Slogan kam 2006 heraus und ist gealtert wie gute Vollmilch.
Vier Jahre zuvor hatte Jung von Matt schon “Geiz ist geil” für Saturn getextet. Ich verbinde diese Zeit also mit der gesellschaftlichen Tendenz, nur den Preis und nicht das Preis-Leistungs-Verhältnis zu optimieren, also quasi die Antithese von “Wer billig kauft, kauft zweimal.”
2013 sprach dann der Markt und machte aus der Baumarktkette einen Theoretiker ohne Tiernahrung.
Fast forward zu 2026
Musik ist flat, Filme sind flat, Kommunikation auch.
Marlenes Ausführungen in ihrem letzten Artikel haben, zusammen mit meinem Kartonstapel, meine Abneigung gegen Flatrates getriggert. Nicht, dass ich missverstanden werde: ich benutze Flatrates reichlich und sie sind per se erstmal nichts Schlechtes. Allerdings bringen sie nicht unbedingt das Beste aus dem Menschen hervor.
Meine These daher:
Geizig beim Preis, maßlos beim Verbrauch
Ich will hier keine große Aufzählung machen von Dingen, die jeder kennt: Menschen in Video-Calls, die nicht mal auf den Screen gucken, Nutzung von ChatGPT für Grundrechenarten, und natürlich die Klassiker: All-inclusive-Urlaube auf Malle und der überflüssige vierte Gang am All-you-can-eat-Buffet.
Einen Sonderpreis sollte man noch für Amazon Prime ‘Free Shipping’ ausloben: Bestell drei, schick zwei zurück. Die Größenordnung hat auch jemand ausgerechnet: Die Forschungsgruppe Retourenforschung der Uni Bamberg rechnet für 2025 mit rund 550 Millionen Retourenpaketen in Deutschland, fast jedes vierte verschickte Paket. Ihr Vorschlag: eine Paketsteuer. Also genau das, was Free Shipping wegdefiniert hat - ein Preis pro Stück.
Die Maßlosigkeit zwingt Teile der Industrie, zurückzurudern und ihre Flatrate-Modelle anzupassen, weil die Menschen dazu tendieren, sich völlig unverantwortlich zu verhalten, wenn es keine Mehrkosten verursacht: All-you-can-eat-Buffets lassen sich Reste bezahlen, ‘unlimited cloud storage’ ist nicht mehr unlimited, KI-Firmen deckeln den Token-Verbrauch. Sam Altman weiß vermutlich selbst nicht, welches seiner Flatrate-Modelle gerade das meiste Investorengeld verbrennt.
Und ja, Musik-Streaming ist ein offensichtliches Beispiel:
- wenn man den Preis vom Werk trennt, nimmt man der Musik ihren Wert
- wenn man den Zugang allgegenwärtig macht, nimmt man dem Hören seinen Ort und seine Zeit
- und wenn alles gleichzeitig verfügbar ist, ist nichts mehr besonders.
Was übrig bleibt, ist Entscheidungslähmung, Aufmerksamkeits-Sättigung und vor allem - achtloser Überfluss.